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Video

Sorry, aber wer in den ersten zwei Minuten von „Eliten“ und „säuberungswellen“ spricht und gleichzeitig weiß, womit diese Begriffe verknüpft sind (und das weiß dieser Mensch als presserechtsanwaltwasauchimmer mit Sicherheit) dem kann ich leider nicht zuhören…“ – ein Kommentar dazu.

Nur um richtig, als auch nicht völlig kontextlos, wie es der Kommentar tut, zu zitieren – an den betreffenden Stellen im Video wird von „der politisch, medialen Elite“ (00:14/30:39), nicht allgemein diffus von “Eliten“, gesprochen und „Säuberungswellen“ ist eingebunden in den Satz „Die Entwicklung zu den Denk- und Sprechverboten, […], begann mit den ersten Schüben der Sprachreinigung, den Säuberungswellen, die uns die politische Korrektheit beschert hat.“ (01:20/30:39).
Ironischer Weise schneidet der Satz also schon an, was du (Der Einfachheit halber werde ich den Verfasser vorwiegend direkt ansprechen) hier tust, denn es geht, wie man sehen kann, um eine moralische Sprachpolizei, die dir sagen will was du und wie du etwas sagen darfst und was wie nicht, für politische Korrektheit, nicht für Inhaltliche, mit anderen Worten: Du gräbst gerade in der selben Grube.
(Für jene, die sich die Rede nicht anhören mögen: Thematisiert wird Heiko Maas und wie er danach trachtet die Meinungsfreiheit mit dem NetzDG zu beschneiden)

Zunächst sind die Begriffe, ich muss bereits grundlegend widersprechen, nicht generell/absolut “verknüpft“, aber selbst wenn sie es für eine signifikante Mehrzahl wären – was zählte das?
Entweder man benutzt den jeweiligen Ausdruck richtig oder falsch, etwas anderes dürfte für einen rationalen, von der Aufklärung geprägten Menschen nicht ins Gewicht fallen, sofern der Inhalt Gegenstand der Betrachtung ist.

Während ich nun dafür einstehe, man sollte alles sagen und über alles reden können, diskreditierst du hingegen, wodurch das Reden darüber wohl aus bleiben wird, die Aussagen, um nicht zu sagen den Menschen selbst, schon bzw. gerade NUR wegen der Wortwahl, aber nicht aufgrund inhaltlicher Mängel, sondern lediglich auf rein emotionaler Ebene. Einen fragileren Standpunkt kann man nicht wählen. Vor allem als sach- und logisch denkendem Menschen bleiben einem doch andere Möglichkeiten, weswegen man nicht gezwungen ist, sich dieser ideologischen, gefühlsbewegten,  schwachen Haltung ohne haltbare Argumentation zu bedienen.

Was, wenn du etwas wie „womit diese Begriffe verknüpft sind“ sagst, ist dein Gedanke dahinter? Mir persönlich fällt hier als erstes ein: Buhu, die Nazis/böse Menschen haben das gemacht​ / das Wort auch verwendet; ..ich muss immer an die denken; ..kann man nicht vergleichen.
Schau, mir bleibt nichts anderes als raten übrig, weil es nicht eindeutig ist, trotzdem setzt du einfach voraus, dass alle anderen genauso denken und wissen wovon genau du sprichst (+), was wiederum ein Zeichen für mich ist, dass diese, aus meiner Sicht, ideologische Prägung tief in dir Stecken muss.
Da ich mir nun nicht sicher war, bat ich google kurz um Hilfe, dass mir daraufhin als erstes den Wikiartikel über “Politische Säuberung“ empfahl.
In diesem heist es unter den 1920er Jahren – „Je nach Zeitumständen und Ausrichtung der Parteiführung konnten bestimmte Vorwürfe gehäuft auftreten und sich einzelne Parteiausschlüsse zu einer Säuberungswelle verdichten.„. Sollte man diesem Text nun konsequenter Weise auch nicht mehr zuhören?
Die nächsten Einträge der Suchmaschine, die mir angezeigt wurden, waren dann hauptsächlich Links zu Berichten über “Säuberungswellen“ unter Erdogan. Darf man darüber also auch nicht mehr offen sprechen oder ist das die eigentliche ’Verknüpfung’, welcher ich mir aus dem Stehgreif nicht bewusst war, weil ich nicht jeden Artikel der Süddeutschen, des Spiegels oder des Handelsblatts, und nicht zu vergessen der hochgeschätzten Bild, lese?
(Nachtrag: Sucht man nach “Säuberungswellen“ statt, wie ich es zuerst getan hatte, nach “Säuberungswelle“, rutscht der Eintrag über “Stalinsche Säuberungen“, an die erste Stelle, obwohl der Begriff dort ebenfalls nur im Singular auftaucht. Das brachte mich im Anschluss noch ein bisschen mehr aus dem Konzept, was die Einordnung des Ganzen angeht, da es nun für mich eindeutig ist, dass der Begriff weder politisch Rechts noch Links klar geprägt ist, wie von mir zunächst vermutet, aufgrund der selbstbewussten Behauptung es bestünde eine ’Verknüfung’. Ebenfalls klar, weiterhin betont für mich, ist nun aber, dass diese ominöse ’Verknüpfung’ Gefühlen statt Fakten entspringt.)

Wenn man diesen –Ich hör dir dann nicht mehr zu-Gedanken also weiter verfolgt, wohin soll das führen? Die Worte müssten zwangsläufig aus dem Sprachbild entfernt werden, sodass niemand mehr auf die Idee kommen kann – in seiner göttlichen Erhabenheit – zu beschließen, dem niederen Gesprächspartner (zB.) nicht mehr zuhören zu müssen, weil dieser einen verdorbenen, auf der Blacklist geführten Ausdruck in den Mund nahm.

Erklär mir bitte, welchen sprachevolutionären Nutzen es hätte, Sprache zu Moralisieren, insbesondere auf diese Art und Weise, also nach der –Nur Ketzer und Sünder sprechen derlei Worte und von derlei Dingen! So bringet ihn zum schweigen!-Art und, um einen moderneren und zugleich sehr naheliegenden Kontext heranzuziehen, auf die SJW-Femiministen-wir sagen nicht mehr Schwangere Frauen, sondern ab jetzt Schwangere Leute, weil sich sonst Frauen, die keine Kinder bekommen können, oder die, die sich nicht als Frauen sehen, oder keine Frauen sein können oder wer auch immer, schlecht fühlen und zu weinen anfangen-Weise. (Ja, solche Verrückten gibt es; und ja, Menschen die solche Positionen vertreten sind mit für das NetzDG verantwortlich; und ja, scheinbar haben zuviele von diesen entsprechend einflussreiche Stellen inne, weswegen dieser Wahnsinn nicht ignoriert werden sollte, aber das nur am Rande.)

Erklär mir nun also bitte, wie die Kultivierung von Sprache funktionieren, weiter stattfinden soll, wenn Begriffe von Heute auf Morgen verbannt werden müssen, aufgrund unbestimmter Gefühlsstimmungen.
Ist der Sachverhalt daraufhin ein anderer? Beschreibt der neue Begriff dann etwas anderes? (Fühlst du dich in deinem Savespace, wo dich keine ’pöhsen’ Worte mehr triggern, dann wohler, ja?)
Sag, ist Sprache Wirklichkeit konstituierend, erschaffend, oder lediglich beschreibend, darstellend?
Wenn ersteres nicht der Fall ist, man also keine Dämonen beschwören kann mit einem Zauberspruch oder bloßen Buchstabenkompositionen, dann können Wörter auch nicht schlecht, verdorben oder böse sein, infolge dessen entbehrt eine Annihilation wiederum jeder Notwendigkeit.
Um also die Infamität dessen wirklich deutlich zu machen: Wir reden hier nicht von einfacher Erosion von Sprache über Zeit. Auch geht es über normale Pejoration hinaus, indem es gleichfalls den nächsten Schritt bekräftigt, der ein Symptom erfolglos bekämpft, die Krankheit jedoch weiter schwelen lässt, als auch neue Brandherde eröffnet.
Bildlich gesprochen, will man also nicht das Bein heilen, obwohl man es könnte, lieber schneidet man es ab, und zwar nicht, weil es an sich krank wäre, sondern schlicht, weil man glaubt es sei vom Teufel besessen, oder aber, weil aus irgendwelchen Gründen die Prothese billiger und schneller angebracht ist, als auf das Gesunden des Bruches zu warten.

Ich könnte jetzt auch noch näher auf die Idiotie einer Konklusion im Zusammenhang mit generalisierter Verwerflichkeit, von zb Nazis (etc), eingehen (Hitler war ein Mann/ hat Begriff xy benutzt​ + Hitler war scheiße = Männer sind/ xy ist scheiße), was einem erlaubt, nahezu alles vor Menschen, denen differenziertes Betrachten, selbst wenig komplexer Zusammenhänge, geistig nicht möglich ist, schlecht dastehen zu lassen; oder auf die Vergleichbarkeit – sowohl objektiver, hier aber eher rethorischer Natur – aller Dinge, da es primär um den speziellen Bezug geht, , nicht dass Subjekt – kein Mensch ist schließlich so retarded und wirft einem vor, ihn als Piepmatz bezeichnet zu haben, nachdem man ihm sagte, er sei frei wie ein Vogel (+). Nein, ich will lieber noch darauf zu sprechen kommen, wie wichtig Kontext ist, da du diesen scheinbar vollkommen ignorierst.

Er hat ’Frauen’ und ’misshandeln’ gesagt! Also hör ich nicht mehr zu, Punkt!
’ kannst du auch mit ’Neger’, ’Juden’, ’Eliten’, ’Säuberungswellen’ oder ’Erdbeerkuchen’ ersetzen, weil es irrelevant ist, welche einzelnen Worte benutzt werden, was wirklich zu beachten gilt, ist ihr Zusammenspiel und der Kontext der darüber hinausgeht – Blicke, Betonung, vorangegangene und noch folgende Sätze (etc).
Worte ohne Kontext/Zusammenspiel haben zwar eine Bedeutung (im Sinne von Inhalt) sind aber im weiteren absolut bedeutungslos hinsichtlich eines Ausdrucks, einer Darstellung. Salopp gesagt – Man zeichnet ein Bild mit vielen Strichen, nicht mit einem Kurzen. Außerdem sind Worte, wie hier im Video oder zB. bei klärenden Gesprächen, dafür da, die subjektive Perspektive aufzuzeigen, zu vermitteln (+) – je detailgetreuer, desto besser. An Bezeichnungen, besonders essentiellen, zu sparen, ist demnach nicht ratsam.
Wenn wir also darüber reden sollten, dass es verwerflich ist, Frauen, Kinder, Menschen im Allgemeinen zu misshandeln, werde ich diese Begriffe zwangsläufig in den Mund nehmen müssen, um das Kind beim Namen nennen zu können, wie es Herr Steinhöfel in der Rede, die Wikiartikel oder, ich hoffe es zumindest, die entsprechenden Berichte über Erdogans Politik auch tun, egal ob die Begriffe für irgendwen auf emotionaler Basis “gut“ oder “böse/schlecht/verwerflich“ sind.

Die Prämisse, man könne an einzelnen, aus Sätzen gelösten, bzw. vom Kontext befreiten Bezeichnungen die Gesinnung eines Menschen, seine Meinung über etwas, seine speziellen Gedanken (etc) zweifelsfrei fest machen, ist absurd und wird nur ernsthaft von Menschen vertreten, die nicht verstehen wie Sprache funktioniert und/oder ideologisch entsprechend indoktriniert sind, als auch von jenen, die ihre (politischen) Gegner (mundtot) schweigen machen wollen, indem sie deren Wortwahl für unzulässig erklären, auf emotionaler, verleumderischer Ebene natürlich, um sich so nicht mehr inhaltlich mit ihren Äußerungen auseinandersetzten zu müssen. Und hier schließt sich der Kreis zu dem Video und dem NetzDurchsetzungsGesetzt, indem es um Zensur geht, Zensur und nichts anderes.

Sogern ich dies als Schlusswort stehen gelassen hätte, bei der Wichtigkeit die ich dem  Sachverhalt “gesetzlich provozierte Meinungsdiktatur“ zuschreibe, möchte ich zum Schluss, da dieser Eintrag primär den oben zitierten Kommentar behandelt, als exemplarisches Beispiel falscher, unnützer, gar schädlicher Vorstellungen, aufgrund derer Ächtung und Ausgrenzung erfolgen können, ausgelöst unter anderem durch pure Überheblichkeit, noch auf etwas anderes hinweisen.
Auf der einen Seite mag es einen möglicherweise glücklicher machen und besser schlafen lassen, wenn die eigene Meinung über sich selbst und das Weltbild als solches nicht angekratzt wird, beschützt von Arroganz, Fehlschlüssen, Leugnung, etc, aber sich auf einer solchen Basis moralisch über andere zu erhöhen, ihnen für das eigene Seelenwohl Unlauterkeit zu unterstellen, und/oder sie zu ignorieren.. – Wie würdest du das nennen? Wer hat sowas nötig? Welche Verknüpfungen liegen dem wohl zugrunde?

(+) – wird wahrscheinlich noch in anderen Beiträgen ausführlicher behandelt.

 

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